Seven Songs of Summer

Als Paperback, als Hardcover  & als E-Book

 Seven Songs of Summer - Shortstorys aus den 80ern und 90ern. Geschichten vom Unterwegssein, von gestern und von heute. Voller Lebensfreude, Liebe, Lust am Leichtsinn und einem Hauch von Bohème und Anarchie.

 

 

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Ein Blick ins Buch?

 

Viele Leser*Innen haben mich gefragt, ob es eine Fortsetzung für Mercedes und Kim aus "Das Lächeln am Rand der Welt" geben wird. Vermutlich ja. Bis es soweit ist, knüpfe ich mit einer Kurzgeschichte da an, wo wir die beiden Pilgerinnen verlassen haben...

Friday on my mind (The Easybeats)

Mercedes erwachte, kurz bevor das Flugzeug rumpelnd landete, und gähnte. Die zweieinhalb Stunden Schlaf auf dem Flug von Madrid nach München hatten ihr gutgetan. Dennoch glich der Flugzeugschlaf keine durchliebte Nacht aus. Sobald sie den Flughafen verlassen hätte, würde sie sich ein Taxi nehmen. Pfeif drauf, dachte sie. Eine Dreiviertelstunde S-Bahn war etwas, auf das sie jetzt gut verzichten konnte. Der Taxifahrer war so schweigsam wie Travis Bickle, was Mercedes sehr begrüßte. Als sie die Wohnungstür aufschloss, fiel ihr auf, dass sie die vier Etagen zum ersten Mal ohne Schnaufen bewältigt hatte. Altbauten haben ihren Charme, Jugendstilgebäude in München sogar ganz besonders. Allerdings haben sie auch selten einen Aufzug, was nicht wirklich durch noch so schöne Eichenholztreppen ausgeglichen wird. Sie ließ den Rucksack, der sie in den letzten sechs Wochen treu begleitet hatte, von der Schulter gleiten und zog die Wanderstiefel aus. Aufräumen würde sie später. Sie überlegte kurz, ob sie duschen wollte. Als sie dann im Bademantel vor dem Spiegel stand, meinte sie immer noch den Geruch der letzten Nacht an sich wahrnehmen zu können. Sie verwarf den Gedanken an eine Dusche. Die Sonne schien auf ihren kleinen, halbrunden Balkon, der gerade genug Platz für eine gemütliche Sitzecke bot. Mit einer Tasse Tee setzte sie sich hinaus und rauchte. Sie schaute auf die Zeitanzeige ihres Smartphones. Kim war nun schon seit über einer Stunde in der Luft. Vermutlich würde sie in vier, fünf Stunden in Doha zwischenlanden. Sie überlegte, ob sie ihr eine SMS oder ein kurzes Video schicken sollte. Ihre Wahl fiel auf eine Textnachricht. Für Videos, Sprachnachrichten und Fotos war noch mehr als genug Zeit. Was sollte sie schreiben? Sie war sonst nie um Worte verlegen. Jetzt fiel es ihr schwer. Die unerwartete Gefühlsexplosion der letzten Nacht lag nur wenig mehr als zwölf Stunden zurück. In Ihrem Inneren herrschte ein buntes, erotisches Chaos, das in seinem Liebreiz Kim in nichts nachstand. Das arg strapazierte Bild der Schmetterlinge im Bauch traf den Zustand nicht einmal ansatzweise. Es war eine völlig neue Erfahrung. Transzendenz. Das Wort schwamm durch ihr übermüdetes Gehirn wie ein heiterer Leviatan und winkte ihr zu. Bis zu diesem Moment hatte das Wort Transzendenz für sie nur eine akademische Bedeutung gehabt. Jetzt schien es ihre jüngste Erfahrung zu beschreiben. Sie entschied sich für eine kurze, sachlich – liebevolle Nachricht. Bin gut zuhause angekommen. Todmüde. Ich denk an dich. Melde dich, wenn du zuhause bist. Sie fügte noch einen Kuss-Smiley hinzu. Warum fällt es mir nur so schwer die richtigen Worte zu finden, dachte sie. Weil du gerade ohne Kompass, Karte und Knigge in einem fremden Land umherläufst, antwortete ein anderer Teil von ihr. Du bist an einem ähnlich fremden Ort wie damals, mit vierzehn, auf der Achterbahn. Mit Sebastian aus der 10a. Bitte anschnallen, genieß die Fahrt!  Die Erkenntnis ließ sie kichern. In Ordnung, dachte sie, aber jetzt … schlafen. Morgen würde sie Ben anrufen. Sie brauchte ein offenes Ohr und jemanden, der mit ihr bereits tagsüber trinken würde. Mit diesem Gedanken und einer zarten Erinnerung an Kims Geruch schlief sie ein. Um vier Uhr morgens erwachte sie. Frisch und ausgeruht. Sie beschloss, die frühe Stunde zu nutzen und Ordnung zu schaffen. Aber zuerst Kaffee. Da sie Zeit hatte, zelebrierte Mercedes das Kaffeekochen. Sie setzte Wasser in einem Kessel auf und holte die French Press aus dem Regal.  Im Tiefkühlfach fand sie noch etwas Toast. Margarine und Quittenmarmelade waren noch haltbar. Einem Frühstück, im wahrsten Sinne des Wortes, stand nichts im Weg. Der Designer ihres Wasserkessels war auf die charmante Idee verfallen, im Ventil zwei Mundharmonika-Tonkörper zu installieren. Sobald das Wasser kochte, erklang ein angenehmes Flöten in den Tonlagen E und H. Als würde ein Folkmusiker in ihrer Küche seine Instrumente stimmen. Sie hatte den Kessel deshalb Bob getauft. Bob war der einzige Gegenstand in ihrem Besitz, der einen Namen erhalten hatte. Es war eine spontane Entscheidung gewesen. Sie gehörte nicht zu der Sorte Frau, die ihrem Staubsaugerroboter oder ihrem Auto einen Namen gaben. Obwohl zum Staubsauger der Name Kevin gut gepasst hätte. Sie beschloss auf dem Balkon zu frühstücken. Es wurde bereits hell und die Vögel in den Hinterhofkastanien waren schon redselig. Sie kaute auf dem letzten Bissen ihres Toasts und schaute auf ihr Smartphone. Kim hatte ihr aus Doha ein Foto geschickt. Natürlich war es niedlich. Mercedes musste lächeln. Ein gewisses Maß an Cuteness-Overload schien in Kims Genen fest verankert zu sein. Es war fast Fünf und die erste Morgenröte hing schon über den Dächern der Stadt. In der nächsten halben Stunde würde Kim in Singapore landen. Sie schrieb eine Message an Ben. Hast Du heute Zeit? Ich muss Dir so viel erzählen!

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Aus  "Surfer Girl"

Die Welle wuchs unter ihm und nahm ihn mit. Er paddelte weiter und hörte erst als auf, als er sah, dass er sich auf dem Kamm der Welle befand. Mit beiden Händen stabilisierte er sein Board und blickte hinab. Es sah ganz so aus, als hätte er eine ziemlich hohe Welle erwischt. Drei Meter unter ihm befand sich die Wasseroberfläche. Vor der Welle schäumte das Weißwasser. Die Welle blieb stabil und lief auf den Strand zu. Dann brach sie. Sein Brett glitt mit ihm in rasender Fahrt abwärts, wie auf einer Rutsche und die von hinten herandrängenden, brechenden Wellen beschleunigten seine Fahrt. Es war ein berauschendes Gefühl. Die Angst, die er noch vor Sekunden empfunden hatte, war einem Adrenalinkick gewichen, der ihn laut jubeln ließ, als er auf den Strand zuraste. Keuchend und vor sich hin kichernd, das Brett neben ihm, lag er im Sand und schaute den Surfern weiter draußen zu. Er blinzelte in die Sonne. Es lag vermutlich am Licht und dem Salzwasser in seinen Augen, aber das Wasser schien sich zu teilen und eine Göttin erhob sich aus den Fluten. Die Vision wurde etwas klarer und aus der Göttin wurde eine Surferin. Was in Anton Czerwinskis Welt so ungefähr das Gleiche war. Unter dem Arm trug sie ein schmales, kurzes Board. Mit ihrem goldbraunen Teint, dem zierlichen, athletischen Körper, den nassen, dunklen Haaren und dem feinen, glücklichen Lächeln bot sie einen hinreißenden Anblick. Eine wahrhaftige, schaumgeborene Venus, dachte er. Sie blieb vor ihm stehen und grinste ihn freundlich an.

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Aus "Club Tropicana ´87"

 An manchen Orten spielt Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Westberlin war so ein Ort. Wo Zeit lediglich ein abstraktes Konzept darstellte, das nur für manche Leute von Bedeutung war. Sie saßen zu viert in einer Bar an der Yorckstrasse, Ecke Mehringdamm. Zeit war nicht wichtig. Keiner von ihnen musste am nächsten Tag früh aufstehen. Die Bar, in der sie ursprünglich abhängen wollten, hatte ihr Konzept geändert. Anstatt Wave und Punk spielte man dort jetzt House, Hip-Hop und DJ Westbam. Auf die Tanzfläche hatte irgendein Schwachkopf eine Art Löwenkäfig gestellt und das Publikum trug schreiend neon-bunte Klamotten. Das Smiley Logo, das zuletzt in den späten Siebzigern modern gewesen war, schmückte gefühlt jedes dritte T-Shirt. Und fast jeder in dem Laden war auf Ecstasy. Die Pillen trugen ebenfalls das Smiley Logo. Eingestanzt in die pudrige Oberfläche. Es war grauenhaft. „Was zum Henker ist verkehrt an Haschisch?“ fragte Sven in die Runde und trank einen Schluck Bier. Dann verzog er angewidert das Gesicht. „Ich werd´ mich nie an diese Berliner Brühe gewöhnen können. Das Zeug schmeckt schon schal, wenn es aus dem Hahn kommt.“ Er stellte das Glas ab und signalisierte dem gruseligen Typen hinter der Bar ihnen vier Tequila zu bringen. „Ne, ernsthaft, ich mein´, wenn man sich schön abschießen will, säuft man, wenn man einen coolen, relaxten Flow will, kifft man. Und wenn man die ganze Nacht und länger durchfeiern will, kokst man. Aber Acid, das versteh´ ich nicht.“ Der Tequila kam. Der Barkeeper war lang und dünn, sein Gesicht war blass, hohlwangig und geschminkt. Die rechte Kopfseite war fast kahl rasiert und über die linke fiel eine glatt gekämmte Popper-Tolle. Der Look sollte wohl existenzialistisch wirken. In Kombination mit dem weißen Hemd und der schwarzen Krawatte wirkte es allerdings eher unheimlich. Irgendwie schwarz-weiß. Wie ein Stummfilmvampir. Sven reichte ihm sein leeres Bierglas. „Noch eins. Und tu mir bitte ein paar Eiswürfel rein. Das ist sonst nicht zu ertragen. Danke.“ 

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Aus "Bésame Mucho"

Als er dann, 1954, zum ersten Mal allein loszog, mit nichts als einem alten Soldatenrucksack, einem Haselnusswanderstab und einer Filzdecke, fühlte er sich frei wie noch nie zuvor in seinem jungen Leben. Er hatte den ganzen Sommer vor sich und so, auch um Geld zu sparen, wanderte er Richtung Lugo. Er investierte ein paar Pesetas in eine Postkarte und eine Briefmarke und schrieb seiner Mutter. Von Lugo aus folgte er dem Camino Primitivo und schließlich dem nördlichen Weg in Richtung des Baskenlands, von wo er eine weitere Postkarte verschickte.  In Donostia, am Strand, erklärte ihm ein Fischer den Weg, der ihn auf den Camino Frances führen sollte. Der Fischer hatte allerdings eine andere Route im Kopf als er, wodurch er nicht in Saint Jean Pied de Port ankam, sondern am Somport-Pass. Er musste immer noch lächeln, wenn er heute daran dachte. Es war ein wunderbarer Sommer gewesen. Manchmal hatte er unter freiem Himmel geschlafen, manchmal in einem der wenigen Refugios am Weg und oft in der Scheune eines freundlichen Bauern. Die Bäuerinnen packten ihm oft etwas Wegzehrung in seinen Rucksack und immer wieder lud man ihn unterwegs ein. Sei es auf ein Glas Wein, eine leichte Mahlzeit oder einfach auf eine erfrischende Rast. Er lernte viel in diesem Sommer. Besonders über die Menschen seines Landes. Ganz besonders aber über die Mädchen. Er lernte, dass das, was man so allgemein Anstand und gute Sitte nannte, nicht leicht mit der menschlichen Natur unter einen Hut zu bringen war.  Auf seinem langen Weg durch diesen schönen Sommer begegneten ihm immer wieder hübsche, junge Frauen, die sich ihm zum Geschenk machten. Er begriff schnell, was ihn so interessant machte.  Er war jung, sah gut aus und, das wichtigste, er war ein Reisender. Am nächsten Tag wäre er schon wieder fort. Die Diskretion, die ein Mädchen brauchte, um den Anschein der Sittsamkeit in ihrem Umfeld aufrecht zu erhalten, war bei ihm sichergestellt. Das lag in der Natur der Sache. Er wusste, wie es in einem Dorf oder einer Kleinstadt zuging. Hatte eine junge Frau sich einmal einem Mann hingegeben, wussten das die anderen Burschen des Ortes innerhalb kürzester Zeit. Es wurde mit der Eroberung geprahlt und der Dorftratsch tat sein Übriges, um den Ruf eines Mädchens zu zerstören. Er war selbstkritisch genug, sich zu fragen, ob er auch so ein Maulheld geworden wäre, wenn er sich nicht auf den Weg gemacht hätte. Innerlich schwor er sich selbst auf Diskretion und den Anstand ein, die wunderbaren Geschenke, die man ihm machte, in Ehren zu halten. 

 

Aus "Lovely Day ´87"

Alva schlug die Augen auf und streckte sich katzengleich. Sie war von selbst erwacht. Ausgeschlafen und mit einem guten Gefühl. Nackt wie sie war, öffnete sie die Balkontür und atmete tief ein. Es lag etwas Besonderes in der Luft. Ein schwer zu fassender Geruch nach Sommer, ein Prickeln, als würde sie in Gin-Tonic baden, ein unhörbarer, verheißungsvoller, leuchtendgelber Sirenengesang. Sie schaute auf das absurd kleine Riesenrad, das am Eingang zum Loretta stand. Es war noch früh. In der Lietzenburger war noch nichts los. Sie streckte die Arme weit aus, atmete tief ein und machte einen Handstand. Dann setzte sie einen Kaffee auf. Heute, dachte sie sich, während sie sich die Zähne putzte. Über eine Woche war es her, dass dieses Gefühl begonnen hatte. Sie spürte es in ihrer Mitte. Es war wie ein Hefeteig, der still und leise aufgeht. Sie hatte das Gefühl beobachtet und für gut befunden. Dann hatte sie es gehegt, gepflegt und ihm beim Wachsen zugeschaut. Sie fand, dass es ein leuchten

d orangenes Gefühl sei. Schäumend wie eine Tüte Ahoi Brause. Warm wie sonnendurchglühte Haut. Erfrischend kühl wie ein Fruchteis am Stiel. Und heute war der richtige Tag, mit dem Gefühl ohne Leine spazieren zu gehen. Heute, am einundzwanzigsten Juni. Mittsommer. Der längste Tag des Jahres. Midsommar, dachte sie. Immerhin war sie in Friesland aufgewachsen. 

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Aus der Story "Summertime ´93":

Er grinste ihn freundlich an. „Sieht so aus, als ob es dir geschmeckt hat.“ „Sehr gut, vielen Dank!“ „Nicht zu scharf?“ Sven schmunzelte. „Es war an der Grenze, aber für mich genau richtig.“ Er musste den Kopf in den Nacken legen, um dem großgewachsenen Mann ins Gesicht zu schauen. „Sag mal, kann man euren Moonshine auch pur, zum Kaffee, trinken?“ Elijah lachte. „Natürlich.“ „Fabelhaft.“ Sven machte eine einladenden Bewegung. „Dann bitte zwei und einen Espresso. Falls du Zeit hast.“ Kurz darauf saßen sie sich gegenüber und prosteten sich zu. Der Moonshine war auch pur sehr angenehm. „Deine Grandma versteht was vom Schnapsbrennen“, sagte Sven anerkennend. Elijah grinste. „Sie is´ ´ne Hexe. Aber eine von den Guten.“ Er schwenkte den Schwarzgebrannten im Glas. Die Eiswürfel klirrten. „Sie lagert den Brandy in alten Bierfässern in einem Schuppen draußen im Bayou. Wir sind in der Stadt die einzigen, die ihren Moonshine verkaufen dürfen.“ Er lachte. „Ihren anderen Kram kann man auch woanders kriegen, aber ihren Moonshine, den gibt es nur bei uns.“  Er grinste und zwinkerte. „Ich bin ihr Lieblingsenkel.“ „Was produziert deine Grandma denn sonst noch so?“ Elijah beugte sich vor. „Warst du schon in einem der Voodoo Shops? Im Blue Bayou, im Marie Laveau´s oder im Occult Supplies?“ Sven schüttelte verneinend den Kopf. „Nicht?“ Der große Mann lachte dröhnend. „Du wirst es lieben. Lauter verrücktes Zeug. Aber die ganz verrückten Sachen, die kommen aus der Werkstatt meiner Granny. Die Sumpfnixen-Mumie zum Beispiel, die ist super schauerlich. Fiese Zähne. Oder der Schrumpfkopf der Serienmörderin Delphine La Laurie. Dann die sechsbeinige Katze mit den zwei Köpfen, der Fisch mit Beinen und eine Menge schauerliches Zeug, dass in den Läden teilweise unter der Ladentheke an Leichtgläubige verkauft wird.“ Sven lachte. „Ok, dann weiß ich ja, was ich morgen als erstes tue. Ist irgendetwas von dem Zeug in den Voodoo Shops echt?“ Elijah wiegte den Kopf hin und her. „Glaub nicht, dass das alles Humbug ist. Voodoo ist so real wie der Tisch, an dem wir sitzen. Damit ist nicht zu spaßen.“ Er machte eine Bewegung, die alles umfasste. „Hier glaubt jeder in irgendeiner Form daran. So gut wie jeder hier hat wenigstens ein Gris-Gris in der Tasche.“ Auf Svens fragenden Blick hin präzisierte er. „Ein Gris-Gris, das ist ein Mojo-Bag, ein Talisman. Die gibt’s für jeden Zweck. Schutz auf Reisen, Schutz vor bösen Mächten, Liebes-Mojos und eine ganze Menge mehr. Im Voodoo-Shop findest du auch einiges an Büchern zum Nachlesen und selbst zaubern.“ Er grinste wieder. „Manches davon kommt auch aus der Werkstatt meiner Grandma. Die Sache mit den Mojos nimmt sie aber ernst. Alles was irgendwie mit dem wahren Ding in Verbindung steht, nimmt sie sehr ernst. Also, nicht so einen Nonsens wie Black Cat Oil oder schwarze Totenkopfkerzen. Aber Kräutermischungen, Energiesteine, bestimmte Salben und die Mojos. Nah.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Wie ich schon sagte. Sie ist ´ne Hexe. ´Ne echte Voodoo Priesterin.“ 

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Aus "Azzurro"

Hier schien alles echter. Sogar das Licht, das hier schon fast südfranzösisch wirkte. Ihr Strandbad, ihr Bagno, hatte einen anachronistischen Charme. So mussten die Strandbäder in den Fünfzigern und Sechzigern ausgesehen haben. Wenn man genau hinsah, stellte man fest, dass dieser Eindruck ganz bewusst erzeugt wurde. Hinter den charmanten, nostalgischen Kulissen steckten Moderne, Technik und ein ausgeprägt guter Geschäftssinn. Clara setzte sich leicht auf und notierte ihre Gedanken.

„Hier, in Italien, ist das Strandbad ein fester Bestandteil der Kultur. Es ist ein zweites Wohnzimmer, ein Laufsteg der Eitelkeiten, ein Forum, eine Piazza, eine Osteria und, wenn man genauer hinsieht, auch ein sehr sinnlicher Ort. Die, in unschuldigen Pastelltönen gestrichenen, Holzkabinen werden nicht nur als Umkleide genutzt.“

Sie lächelte leicht. Die Sonne, die Hitze des August, die Leichtigkeit des Seins, Düfte, Aromen, frischer Schweiß auf fast nackter Haut. Natürlich lag da Sex in der Luft. Sie spürte es ja selbst. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie irgendeinen attraktiven, braungebrannten Menschen auf ihr Laken zerren würde. Vielleicht sogar Mauro. Der hübsche, dunkelgelockte Sizilianer lief durch die Reihen der Lettini und Ombrelloni und sah nach dem Rechten. „Signora, kann ich etwas für sie tun?“ Er hatte ein nettes Lächeln, dass durch die leichte Zahnlücke jungenhaft wirkte und seiner Maskulinität das Bedrohliche nahm. „Ein Gläschen Weißen? Ein Spritz? Ein Prosecco?“ Clara überlegte kurz. „Einen Weißen bitte. Schön kalt!“ Die beiden Frauen rechts von ihr nickten beifällig und signalisierten mit zwei erhobenen Fingern, sich der Idee des Vino del Mattino, des Vormittags-Weins, anzuschließen.