Kurzgeschichten / Shortstories

Philémon und Baukis – eine (sehr) freie Nacherzählung

 

Es war einmal. Vor langer, langer Zeit. Als Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren und als Höllenhunde noch drei Köpfe hatten. Es war eine Zeit, in der die Götter zahlreich waren und über die Erde wandelten. Die Vermutung liegt nahe, dass sie dies so gern taten, weil ihnen auf dem Olymp alle paar Wochen ein wenig langweilig wurde. Der Olymp, so schön er auch sein mochte, war unterm Strich auch nur ein Haufen erhabener Architektur in Pastelltönen. Aus jedem Brunnen flossen Nektar und Ambrosia, die Hautnahrungsquelle der Olympier, und es säuselte stets eine angenehme Sphärenmusik durch die dorischen Säulengänge der himmlischen Hallen. Oder, anders ausgedrückt, der Speiseplan war sehr eintönig und selbst ein langmütiger Gott kann nicht vierundzwanzig Stunden am Tag Fahrstuhlmusik ertragen. Selbst dann nicht, wenn es sich um Henri Mancini Kompositionen, gespielt von André Rieu und seinem Orchester handelt. Manche Götter, besonders die etwas handfesteren Naturen, sahen im Olymp eher so etwas wie ein Luxus Spa, in dem sie sich am Wochenende enspannten. Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit, empfand es immer als recht angenehm, sich am Wochenende von der Ackerwirtschaft zu erholen. Als Göttin des biologischen Anbaus machte sie sich zwar gern die Finger schmutzig, aber dann und wann in einem Bad mit Eselsmilch zu liegen und sich maniküren zu lassen, erschien ihr durchaus erstrebenswert. Ares, der Kriegsgott, trieb sich ohnehin am liebsten in irgendwelchen Feldlagern und auf Kriegsschauplätzen herum. Als typisch phantasieloser Militär brauchte er nicht viel, um glücklich zu sein. Ein wenig Strategieplanung, viel Gemetzel, Schädelspalten und Brandschatzen, sowie dann und wann eine Amphore Wein und etwas Sex mit Aphrodite. Die im Übrigen mit seinem Bruder Hephaistos verheiratet war. Aber die Ehe war für Aphrodite ohnehin ein eher vages Konzept. Auch er erholte sich ausgesprochen gern auf dem Olymp. Nicht zuletzt wegen Aphrodite und der fabelhaften Wellnesseinrichtungen. Hera und Hestia wiederum, Göttinnen des Familienwesens und des Herdfeuers, fühlten sich auf dem Olymp recht wohl. Sie mochten Fahrstuhlmusik, buken gerne Kekse und waren dann am glücklichsten, wenn die ganze Götter-Sippe um sie herum versammelt war. Hera fühlte sich dann so glücklich wie die Queen zu Weihnachten auf Schloss Sandringham.  Andere Götter hingegen, wie Apollon, Gott der Poesie und der schönen Muse, drängte es, der prachtvollen Langeweile des Olymps zu entkommen. Apollon, ein Dichter, Musiker und Meister der Saiteninstrumente, wurde zutiefst unwirsch, wenn er nicht wenigstens zweimal im Jahr in Griechenland auf Tour gehen konnte. Als Vorgesetzter der Musen, die die göttliche Inspiration zu den Menschen tragen sollten, verbrachte er leider mehr Zeit in Kreativmeetings und mit Quartalsgesprächen, als ihm lieb war. Die lieblichen Landschaften Arkadiens und die reizenden Groupies, die ihm von Auftritt zu Auftritt nachreisten, waren ihm daher eine reine Erholung vom Olymp. Und dann war da natürlich Zeus, der Göttervater. Vorstandsvorsitzender des Olymp und hart arbeitender Blitzeschleuderer. Ihm hätte der Olymp deutlich besser gefallen, wenn da nicht seine Frau gewesen wäre. Immerhin wimmelte es auf dem Olymp nur so von hübschen und durchaus bereitwilligen Göttinnen. Von denen viele noch nicht einmal in direkter Linie mit dem Göttervater verwandt waren. Es hätte paradiesisch sein können. Aber da war ja Hera, die ein strenges Regiment führte und ein scharfes Auge auf ihren Göttergatten hatte. Kein Wunder also, dass Zeus die Welt der Sterblichen ausgesprochen gern besuchte. Und mit ihr natürlich die schönen Frauen, Nymphen und Dryaden des antiken Hellas. Manchmal, aber nur manchmal, schaute Zeus einfach mal so bei den Sterblichen vorbei. Um mal kurz Hallo zu sagen, nach dem Rechten zu schauen oder künftigen, kurzlebigen Helden Ratschläge zu erteilen. An einem nebligen Herbsttag hatte er eine seiner seltenen gottväterlichen Anwandlungen und beschloss inkognito nach dem Rechten zu schauen. Er klopfte auf einen goldenen Gong, der neben seinem ergonomischen Thron hing und kurz darauf flatterte sein Sohn und persönlicher Bote Hermes in den Thronsaal. „Höre, mein Herold“, sprach Zeus und wurde sogleich von Hermes unterbrochen. „Oh bitte, Papa! Bitte red nicht wieder so geschwollen daher.“ Er flatterte näher an Zeus heran und ließ sich zu seinen Füßen auf einer kleinen rosa Wolke im Schneidersitz nieder. „Also, was liegt an, Papa?“ Er blickte sich um. Außer ihnen beiden war niemand im Thronsaal. Er grinste und zwinkerte. Als dem offiziellen Gott der Diebe, Reisenden und Kaufleute, war ihm ein charmantes Wesen angeboren. „Es ist was Inoffizielles, richtig?“ Er blickte seinen Vater und Vorgesetzten fragend und nach Bestätigung heischend an. Zeus seufzte. Solche Frechheiten ließ er sonst niemandem durchgehen, der/die/das nicht wenigstens über ein Paar spektakuläre Brüste verfügte. Aber der Junge schaffte es immer wieder, ihn um den Finger zu wickeln.  Und er war eine angenehme Reisegesellschaft. Aus Erfahrung wusste Zeus, dass es sinnvoll war, wenn Hermes ihn begleitete. Ohne Hermes diplomatischen Einfluss, hätten deutlich mehr Ruinen in Griechenland herumgestanden und der trojanische Krieg wäre kein Ausnahmeereignis gewesen. So wie viele Vorstandsvorsitzende neigte Zeus zum Jähzorn. Hermes dachte mit Schaudern an Santorin. Das war mal so eine schöne Insel gewesen. Bis Papa sich wegen irgendwas aufgeregt hatte. Blitz, Donner, Vulkanausbruch und anschließend war es überall wochenlang finster wie in einem Zentaurenhintern. Sogar Hades hatte sich beschwert. Und der wohnte im Keller der Götter. Hermes setzte sein strahlendes Lächeln Nummer 3 auf, dass er ausschließlich für sehr reiche und sehr dumme Geschäftspartner stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte. „Lass mich raten. Leichtes Gepäck? Inkognito? Und wir verursachen so wenig Verwirrung wie möglich? Nicht, dass Chaos uns wieder verklagt wegen irgendeiner Patentsache.“ Zeus lachte. Hermes Charme war entwaffnend. Kurz darauf erschienen im Lande Phrygien, unweit des Ortes, an dem viel später einmal die Stadt Ankara entstehen sollte, zwei Wanderer im herbstlichen Nebel auf einer Waldlichtung. Sie waren in schlichte dunkle Wollumhänge gekleidet und trugen knorrige Wanderstöcke. Nur zwei Hasen, die über die Lichtung hoppelten, waren Zeugen dieses ungewöhnlichen Ereignisses. Gemessenen Schrittes wanderten Zeus und Hermes durch den lichten Wald. Dann und wann hielt Zeus an und machte eine segnende Geste in Richtung eines Fuchsbaus, einer Rotte Wildschweine oder der Höhle eines Dachses. Hermes schmunzelte leise. Wenn er wollte, hatte der grimmige Blitzeschleuderer Zeus eine durchaus gütige und väterliche Seite. In einem Zedernhain rasteten sie. Ein Adler kreiste über ihnen und in einem nahen Taubennest brach Panik aus. Zeus hob warnend den Finger in Richtung des Greifvogels. Der Adler drehte ab und die Panik im Taubennest legte sich wieder. Der Klang einer Flöte drang aus der Ferne an ihre Ohren. „Dein Sohn?“ fragte Zeus. „Würde mich nicht wundern. Pan schaut gern nach dem Rechten, wenn Götter durch seine Wälder wandern.“ Zeus lächelte. Er mochte seinen bocksbeinigen Enkel. Die Dämmerung setzte ein und die beiden Götter wanderten weiter. In einer Talsenke, an einem Fluss, erblickten sie eine Siedlung. Hermes sah Zeus fragend an. „Gibt es hier etwas Besonderes? Eine schöne Frau? Einen künftigen Helden?“ Zeus schüttelte verneinend den Kopf. „Nichts dergleichen. Ich weiß selbst nicht, was uns hier erwartet. Manchmal lasse ich mich gern überraschen.“ Obwohl die Siedlung nicht sonderlich groß war und kaum den Namen Stadt verdiente, war sie umgeben von hölzernen Palisaden. Die Wächter, die vor dem Stadttor standen, machten keinen besonders freundlichen Eindruck. Nun, dachte sich Zeus, das sollen Wächter wohl auch nicht. Hermes trat vor und lächelte freundlich. „Guten Abend. Ob es wohl in eurer Stadt ein Nachtlager für zwei müde Wanderer gibt?“

Der eine Wächter blickte sie abschätzig an und spuckte auf den Boden. Der andere inspizierte seinen Naseninhalt und schaute interessiert auf das Ergebnis seiner Ausgrabung, das auf seiner Fingerspitze klebte. „Hier gibt es kein Nachtlager. Für Bettler und Vagabunden schon gar nicht. Verschwindet!“ Hermes schwoll eine Zornesader an der Stirn. Als dem Gott der Reisenden war ihm die Gastfreundschaft heilig. Einzig Zeus beruhigende Hand auf seiner Schulter hielt ihn davon ab, sein wahres Wesen zu enthüllen und seinen Zorn in epischem Maße über die beiden Wächter und ihre Stadt zu ergießen. „Und was ist mit dem heiligen Gesetz des Gastrechts?“ fragte er mühsam beherrscht. „Von Gastfreundschaft ist noch keiner reich geworden“, antwortete der Wächter und legte seine Hand auf seinen Schwertknauf. „Und nun verschwindet, Gesindel!“ Außer Sichtweite der beiden Torwächter kochte Hermes vor Wut. Eine solche Beleidigung des Gastrechts empfand er als direkte Beleidigung seiner selbst. Zeus ging schweigend neben ihm her. An seinen Fingerspitzen britzelten blaue Lichtfunken, doch er hielt sich und seine Blitze zurück. Er spürte, dass dieser Tag noch etwas für sie bereit hielt. Abseits der Siedlung, auf einem Hügel, nahm er ein bescheidenes Gehöft wahr. Als sie sich dem kleinen Anwesen näherten, sahen sie einen älteren Mann, der vor seiner Hütte auf einer Bank saß und grüßend die Hand hob. Er erhob sich und ging den beiden Wanderern entgegen. „Seid gegrüßt. Es scheint, ihr braucht ein Lager für die Nacht.“ Er machte eine umfassende Bewegung. „Wir haben nicht viel, aber um satt zu werden und die Nacht sicher zu verbringen, reicht es.“ Er öffnete die Tür und bat die beiden Wanderer herein. „Baukis, wir haben Gäste!“ rief er. Aus dem Schatten, hinter dem Herdfeuer, trat eine ältere Frau hervor. „Willkommen“, sagte sie. „Ich hoffe ihr mögt Gemüseeintopf. Mehr haben wir heute leider nicht.“

Hermes lächelte sie an. „Eintopf ist wunderbar. Genau das, was sich ein müder Wanderer wünscht.“

Der Mann reichte ihnen die Hand. „Mein Name ist Philemon und dies ist meine Frau, Baukis. Mögt ihr einen Kelch Wein? Wir bauen ihn selbst an. “ Er reichte ihnen zwei Kelche und stellte die Amphore auf den schlichten Eichentisch. Sie tranken und Zeus nickte anerkennend. Der Wein war schlicht, leicht geharzt und gut. Hermes zwinkerte ihm zu und machte eine vage Fingerbewegung in Richtung der Amphore. „Wasser in Wein kann ja jeder“, flüsterte er Zeus zu. „Aber die sich selbst nachfüllende Amphore ist meine persönliche Spezialität.“ „Lass das bloß nicht Dionysos mitbekommen. Den kriegen wir sonst nie wieder nüchtern,“ flüsterte Zeus zurück. Er betrachtete ihre Gastgeber. Beide waren weit in den Fünfzigern und man sah ihnen ein hartes, entbehrungsreiches Leben an. Aber man sah ihnen auch ihren einfachen, schlichten Stolz und Anstand an. Philemon war trotz seines Alters noch breitschultrig und kräftig und in Baukis Zügen erblickte er immer noch die attraktive Frau, die sie in jungen Jahren gewesen sein musste. Es dauerte ein wenig, bis Philemon auffiel, dass die Amphore nicht leerer wurde, obwohl sie jeder bereits zwei Kelche getrunken hatten. Auch Baukis hatte die wundersame Weinvermehrung bemerkt. Selbst in diesen Zeiten, in denen, wie schon erwähnt, die Götter gern und regelmäßig über die Erde wandelten, war es für Sterbliche nicht alltäglich, mit Göttern ihren Gemüseeintopf zu teilen.

 

Baukis geriet in eine Aufregung der allerhausfraulichsten Art und wollte sofort zum Stall laufen, um ihre einzige Gans in einen Braten zu verwandeln. Hermes hielt sie lächelnd zurück. Draußen, von der Ebene am Fluss, erklang ein dumpfes Grollen. Sie verließen die Hütte gemeinsam und blickten hinunter in das Tal. Die kleine Stadt war im Boden versunken. Dort, wo vor kurzem noch die Palisaden empor ragten, war jetzt nur noch Sumpf. Philemon und Baukis blickten erschüttert auf das Trümmerfeld, das bis vor wenigen Minuten ihre Nachbarschaft gewesen war. Man stellt die Götter nicht in Frage, war ihrer beider Gedanke. Zeus schaute sie begütigend an. Er hatte seine normale Gestalt angenommen und sah nun wieder aus wie ein Athener Aristokrat. Hermes schwebte ein Stückchen über dem Boden und murmelte vor sich hin. Das kleine Gehöft machte ebenfalls eine Metamorphose durch. Statt einer kleinen Hütte und eines Stalls stand nun ein Marmortempel auf dem Hügel. Hermes schmunzelte leicht. „Hübsch, oder? Macht sich wirklich gut hier auf dem Hügel.“ Zeus räusperte sich. Götter müssen sich eigentlich nicht räuspern, aber er fand den theatralischen Effekt so erfrischend. „Habt Dank für eure Gastfreundschaft. Sagt mir, was wünscht ihr euch? Welchen Wunsch können wir euch erfüllen?“  Philemon und Baukis sahen sich an. „Wir brauchen nicht viel. Aber einen Wunsch haben wir, den uns nur die Götter erfüllen können. Wenn es möglich ist, möchten wir gern beide zur selben Stunde, im selben Augenblick sterben. Denn keiner von uns beiden könnte es ertragen, des anderen Grab zu sehen.“ Hermes lächelte und legte die Arme um ihre Schultern. „Wunderbar. So sei es. Und es wäre uns eine Freude, wenn ihr diesen Tempel, der euer Gehöft war, als unsere Priester hüten würdet.“ Mit diesen Worten, einem freundlichen Lächeln und einigen spektakulären Lichteffekten verschwanden Zeus und Hermes. Ohne die üblichen Zipperlein, Krankheiten und Beschwerden des Alters, lebten Philemon und Baukis ungewöhnlich lange und hüteten den Tempel. Reisende fanden dort, ganz im Sinne des Hermes, immer eine gastliche Unterkunft. Bis sie sich eines Tages, Hand in Hand vor dem Tempel stehend, in zwei stattliche Bäume verwandelten, die Äste ineinander verschränkt, wie es ihre Hände gewesen waren.