„L´enfer – c´est les autres“ – Die Hölle, das sind die anderen“,

 

lautet ein oft zitiertes Bonmot des Philosophen Sartre.

 

Natürlich erwarten wir keine höllischen Umstände auf einem Pilgerweg, aber es ist doch Teil unseres Menschseins, das wir nicht unbedingt jeden unserer Nächsten lieben. Der Camino Frances zieht Menschen aus aller Welt an, die Vielfalt ist erstaunlich und vergleichbar mit einem Sommertag auf dem Markusplatz in Venedig. Da ist es nachvollziehbar, das Verständnisschwierigkeiten, Mentalitätsprobleme und Missverständnisse so gut wie vorprogrammiert sind.

 

 

 

Deshalb folgt nun eine, nicht ganz ernst zu nehmende, durch und durch klischeehafte aber absolut zutreffende und wahre Charakterisierung der am besten repräsentierten Nationen auf dem Camino Frances.

 

Die Spanier: Sie sind laut, stolz und sehr nett, wenn man es zulässt. So schnell kann man gar nicht gucken, wie man ein Glas Wein in der Hand und etwas zu Essen im Mund hat, wenn ein Spanier beschlossen hat jemanden nett zu finden.  In Spanien ist der Anbau von psychoaktiven Hanfgewächsen zu Privatzwecken erlaubt.  Daher die vielen Kiffer.  Wenn es um das andere Geschlecht geht sind spanische Männer deutlich schüchterner als die Damen. Ein gut erzogener Spanier erkennt zwar die subtilen Signale, die eine Frau in der Lage ist auszusenden, reagiert darauf aber nicht. Schon aus männlichem Stolz. Die Compostela ist für viele Spanier ein anerkannter Vorteil im Lebenslauf, der auch im Berufsleben weiterhilft. Fremdsprachen sind nicht das größte Talent der Spanier.

 

Die Deutschen: Sie sind ebenfalls recht laut, besonders nach der ersten Flasche Wein. Und sie sind ziemlich clevere Besserwisser. Deutsche sind die einzigen Menschen im bekannten Universum, die es fertigbringen einen Muttersprachler einer anderen Nation zu korrigieren. Allen Vorurteilen zu Trotz sind sie recht humorvoll. Ein ausgeprägtes Interesse an Geschichte und Kultur ist ein weiteres Merkmal der Teutonen. In ihrer knapp bemessenen Freizeit sammeln Deutsche gern irgendetwas.

Auf Angehörige von Small-Talk - orientierten Nationen wirken die Deutschen meistens etwas arrogant. Hierbei handelt es sich um ein tragisches Missverständnis. Sie sind einfach nur schüchtern. Genau wie die spanischen Männer, gelten deutsche Männer als ausgesprochen schüchtern im Umgang mit dem schönen Geschlecht. Einen Flirtversuch fehlinterpretieren sie oft als reine Freundlichkeit aufgrund eines angeborenen Minderwertigkeitskomplexes.

 So wie die Holländer, sprechen junge Deutsche oft  eine bis zwei Fremdsprachen. Wenngleich meistens mit einem schauderhaften Akzent.

 

Die Italiener: Katholizismus und Lebenslust ist für sie ein und dasselbe. Sie sind gleichzeitig hingebungsvoll und fromm wie eine Nonne und lüstern wie ein Priester. Italiener lieben es sich in Gesellschaft zu befinden, sind sie mal allein auf sich gestellt, fühlen sie sich verloren wie Dante Aligheri im siebten Kreis der Hölle. Ein buntes Gewusel aus Freunden und Familie nennt man in Italien „una bella compania“. Essen ist für den Italiener an sich noch wichtiger als Sex. Wer in einer Albergue auf einen netten kochenden Italiener stößt, darf sich auf ein gutes Abendessen freuen. Mit Fremdsprachen hat man es in Italien nicht so sehr. Angesichts der Fähigkeit mit Händen, Füßen und sonstigen Extremitäten zu kommunizieren, stellt das normalerweise kein Problem dar. Jede Form von Freundlichkeit wird als Flirtversuch interpretiert. Ein „Italiano vero“ ist vollkommen unfähig sich vorzustellen, dass ein freundliches Lächeln auch nur als solches zu sehen ist.

  

Die Holländer: wie ihre nordischen Cousins aus Skandinavien sind die Holländer ein freundliches und zurückhaltendes Völkchen mit einer exzellenten Schulbildung. Sie sprechen oftmals mehr als nur zwei Fremdsprachen und es stimmt einfach nicht, dass alle Holländer kiffen. Tatsächlich  verdienen bestenfalls 30% aller Niederländer die Bezeichnung Kiffer. Von allen Europäern sind die Holländer im Durchschnitt die Längsten. Normalerweise sind sie blond, gut aussehend und haben extrem große Zähne.  Man sagt Ihnen nach, dass sie heimlich für die Deutschen schwärmen, was diese bislang nicht geschafft haben zu verifizieren.

 

Die Franzosen:  Die Angehörigen der „Grande Nation“ sind die größten Chauvinisten im bekannten Universum, gelten aber als extrem charmant.  Sie können ihren Charme an – und ausknipsen wie andere Leute eine Taschenlampe. Die Französin an sich gilt nicht nur als kapriziös, sondern auch als weltoffen, neugierig und kulturell interessiert. Für den Franzosen männlichen Geschlechts hingegen steht die kulturelle, intellektuelle, sexuelle und allgemeine Überlegenheit seiner Nation gegenüber dem Rest der Welt außer Frage. Allein der Gedanke, es sei anders,  ist bereits blasphemisch.

Der französische Mann läuft gern in kleinen, überschaubaren Rudeln über den Jakobsweg, immer auf der Suche nach verführbaren, willigen Exemplaren des schönen Geschlechts. Die Französin hingegen hat besseres zu tun, als mehrere hundert Kilometer durch variierende Gegenden zu laufen. Shopping zum Beispiel. Zum Thema Fremdsprachen: Ich erwähnte bereits den Nationalchauvinismus? Voilá! Fremdsprachen – Fehlanzeige!

 

Die Briten: Von allen Briten, sind die auf dem Weg am besten repräsentierten, die Iren. Das liegt vermutlich am Katholizismus. Iren sind freundliche, weltoffene und ernsthaft trinkende Menschen, die gerne singen, diskutieren und schwadronieren. Sie sind für gewöhnlich hilfsbereit und haben oftmals niedliche Sommersprossen. In Gesellschaft von Iren kann man sich rundum wohlfühlen. Auch bei den Engländern ist der Camino relativ populär, wenngleich bei weitem nicht so sehr wie ein Urlaub in Benidorm und Torremolinos. Deswegen sind die Engländer vergleichsweise unterrepräsentiert. Fremdsprachen sind für sie ein Fremdwort, was ein Relikt aus ihrer glorreichen Vergangenheit als Weltmacht ist.

 

Die Kanadier: Sie gelten als die höflichsten Menschen auf diesem Planeten. US-amerikanische Witze zum Thema Kanada drehen sich entweder um deren Höflichkeit oder um Eishockey (Ein Sport den die USA nie so ganz kapiert haben). Kanadier sind gebildet, oftmals bilingual und extrem reiselustig. Deswegen, und weil sie gern kiffen, nennt man sie auch die Holländer Nordamerikas. Sie sind immer eine angenehme Gesellschaft und kennen im Schnitt 12 Arten einen Schneesturm zu überleben.

 

 Die Brasilianer:  Einem populären Mythos zufolge ist der Camino besonders bei den Brasilianerinnen beliebt. Angeblich soll der Jakobsweg der perfekte Ort sei, um einen potentiellen Ehemann zu finden. Nun, ich denke es gibt schlechtere Gründe den Weg zu gehen. Brasilianer sind offenherzige, charmante und sehr sinnliche Menschen. Das Konzept der Prüderie ist ihnen fremd und eine ausgeprägte Körpersprache stellt die Hälfte ihres Vokabulars dar. Etliche sind in der Lage ihre Hüften schneller zu bewegen als ein Kolibri mit den Flügeln schlagen kann. Das nennt man dann Samba.

 

Die Südkoreaner: Obwohl Schamanismus und Buddhismus die in Korea beheimateten Ursprungsreligionen sind, ist das Christentum mit rund 30% relativ gut verbreitet. Dies ist allerdings nicht der Grund für die wachsende Popularität des Camino in Korea. Immerhin sind 30% aller Koreaner Atheisten oder zumindest nicht religiös.

Ähnlich wie bei uns ist der Pilger Boom in Korea auf ein Buch zurückzuführen, dass vor einigen Jahren von einem koreanischen Pilger verfasst wurde und einen ähnlichen Effekt hatte wie HaPe Kerkelings Werk. Die Koreaner, die ich unterwegs kennengelernt habe, waren, durch die Bank, sehr nette und lustige Leute.

 

Die US Amerikaner: Gut organisiert wie ein Schweizer Bankier und abenteuerlustig wie Huckleberry Finn. Sie sehen den Camino gern durch einen rosaroten, romantisierenden, semi-esoterischen und mit Wundern verbrämten Schleier. Einige Amerikaner betrachten den Trip durch Spanien als das Abenteuer ihres Lebens,  einschließlich eines Wettlaufs mit Stier in Pamplona. Einige sehen den Weg als den billigsten Urlaub ihres Lebens, und berufen sich dabei auf 30 Jahre alte Exemplare von „Europa für 1 Dollar am Tag“.  Die lockere amerikanische Art und ihre unverbindliche Offenheit ist etwas, was den Durchschnittseuropäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen ziemlich irritiert.  Die Mentalität ist einfach komplett anders. Dinge die in Europa diskret behandelt werden, gelten in den USA als öffentliches Thema und umgekehrt. Sex und Geld zum Beispiel. Für einen US Bürger ist es vergleichsweise normal sich über Geld, Einkommen und Statussymbole zu unterhalten.  In Europa hingegen gilt man in so einem Fall als Parvenü. Andererseits ist es in den USA undenkbar, öffentlich über sexuelle Themen zu reden, was in Europa wiederum ein relativ akzeptiertes Gesprächsthema ist. Amerikaner empfinden sexuelle Themen in Gesprächen schnell als eine Form von Nötigung. Aber mit ein wenig gegenseitiger Offenheit lassen sich diese Probleme leicht vermeiden. Um eine Sache habe ich Amerikaner immer beneidet: Sie befinden sich auf dem Camino in einem Zustand des Dauererstaunens. Niemand sonst auf der Welt ist mit soviel natürlichem kindlichem Staunen gesegnet wie ein Ami. Es ist diese permanente Verwunderung, die sie zu einer sehr angenehmen Gesellschaft werden lässt. Fremdsprachen sind nicht ihre stärkste Seite. Während der amerikanische Gentleman nach drei Tagen auf dem Camino aussieht wie ein Hillbilly-Zombie aus einem ganz fiesen Slasher Film, hüpft die Amerikanerin mädchenhaft, epiliert und faltenfrei mit wehender Lockenpracht durch Spanien wie Farrah Fawcett, Britney Spears und ein ganzer Sack voll Playmates in Personalunion.

 

(aus: "Ohne Schmerz kein Halleluja")